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Wolfgang Paalen
Spurensuche nach einem vergessenen Künstler
"Da aber der Künstler, , der seine Kunst
prostituiert, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, auf jeden Fall
aufhört, wahrer Künstler zu sein, ist es besser - so unangenehm
auch eine solche Alternative sein mag - zeitweise auf seine Kunst zu
verzichten, in der Hoffnung, sie später, ohne daß sie Schaden
genommen hat, wiederaufzunehmen, als seine künstlerische Unantastbarkeit
für immer zu verlieren. Denn die Kunst verzeiht nie. ...
Nie löst der Krieg auch nur ein einziges geistiges Problem, er
ist für alle, die etwas Ernsthaftes betreiben, nichts als eine
stumpfsinnige oder unheilvolle Unterbrechung. Es versteht sich von selbst,
daß jeder Mensch, der nicht gerade eine Ausgeburt von Egoismus
ist, zutiefst darunter leidet der Künstler mindestens ebensosehr
wie die anderen. Da aber die Funktion der Kunst eben darin besteht,
das Chaos zu bannen, ist ein Werk nur in dem Maße gerechtfertigt,
als seine Zielsetzung jenseits aller Kriege oder allen individuellen
oder kollektiven Mißgeschickes liegt."
(Wolfgang Paalen in einem Interview 1944)
Von Judith Brandner
Wolfgang
Paalen gehört mit Klimt, Schiele und Kokoschka zu den bedeutendesten
aus Österreich stammenden Künstlern des 20. Jahrhunderts.
Und doch ist Paalen so gut wie unbekannt. Hat sich auf dem internationalen
Kunstmarkt nie durchgesetzt. Ich hörte von Paalen zum ersten Mal
von Christian Kloyber, der mit gutem Recht als der Wiederentdecker Paalens
bezeichnet werden darf und der sich seit Jahren mit unermüdlicher
Hartnäckigkeit darum bemüht, Paalen die ihm zustehende Aufmerksamkeit
zukommen zu lassen. Als Exilforscher stieß er in Mexiko auf Paalen.
Und so führt auch mich meine Spurensuche nach Mexiko-Stadt. Sie
bringt mich zu jüdischen Emigranten aus Österreich, zu Künstlern
und Kunstsammlern, zu streng bewachten Wohnhäusern im reichen Stadtviertel
San Angel, verschafft mir Zutritt zu Schlaf- und Wohnzimmern, wo ich
Paalen Bilder in Privatbesitz bewundern kann.
Im Museo de Arte Carrillo Gil, einem kleinen, aber feinen Privatmuseum
in Mexiko-Stadt, empfängt mich Direktorin Patricia Sloane. "Paalen
ist kein einfacher Künstler, er hat auch nicht enorme Mengen produziert.
Er bleibt einer dieser sehr exquisiten, sehr speziellen Künstler.
In diesem Sinn ist er ein geheimer Maler, ein Künstler für
Künstler." Später steigen wir in den Keller hinunter,
ins Depot, wo kein Licht aufgedreht werden darf. Es ist dämmrig,
die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit. Und dann
stehe ich vor 5 Bildern von Wolfgang Paalen, allesamt aus seiner letzten
Phase 1958/59. Es sind schöne, abstrakte Farbkompositionen, die
an Blüten erinnern: asì es la vida, composición de
colores, amanecer, banistas, migración de Yucatán... Bilder,
die die heitere Stimmung im tropischen Yucatán widerspiegeln.
"Diese Bilder zeigen die totale künstlerische Freiheit, die
Paalen damals hatte", sagt Patricia Sloane. Diese überaus
kräftigen Farben und auffallenden Kontraste in Paalens Bildern
seien sehr ungewöhnlich für einen europäischen Künstler.
Vermutlich sei das der Einfluß Mexikos, dieses intensive Licht,
das sich dann in die Intensität der Farben auf der Palette verwandle
... Bilder, die nicht auf Paalens immer wiederkehrende Depressionen
schliessen lassen würden.
Geboren wurde Wolfgang Paalen am 22. Juli 1905 in Baden bei Wien. Er
stammte aus adeligem Haus. Sein Vater Gustaf Robert Paalen war ein reicher
jüdischer Kaufmann aus der damaligen Provinz Mähren, der nach
der Heirat mit einer katholischen Schauspielerin zum Protestantismus
konvertierte. Wolfgang ließ er trotzdem nach jüdischer Tradition
beschneiden. Seine Jugendjahre verbrachte Wolfgang Paalen auf der St.
Rochusburg, einem herzöglichen Schloss in Sàgan, das der
Vater wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg erwarb. Wolfgang wurde hauptsächlich
von Privatlehrern erzogen. "Es waren die besten Jahre einer anachronistischen
Kindheit", wird er später einmal bemerken. Die Familie hatte
Wohnsitze in Wien und Berlin, lebte in Paris und übersiedelte 1919
nach Rom. Schloss Sàgan blieb bis zur Beschlagnahme durch die
Nazis Sommersitz der Paalens. Der Vater hatte eine bedeutende Kunstsammlung,
die Wolfgang von früher Kindheit an inspirierte; er begann bald
selbst zu zeichnen, zu malen und zu bildhauern. 1925 hatte Wolfgang
Paalen in der Berliner Sezession seine erste Ausstellung. Zu dieser
Zeit lebte er in Paris und München, wo er unter anderem bei Hans
Hofmann studierte. An Wien, so Dieter Schrage, der ehemalige Direktor
des Museums Moderner Kunst in Wien, sei Paalen nie besonders interessiert
gewesen. Vielleicht mit ein Grund, weshalb er hier in Vergessenheit
geraten ist. Schrage organisierte 1993 im Museum Moderner Kunst die
erste, und bislang einzige Paalen Retrospektive in Wien.
Als mit der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre das Imperium
des Vaters zusammenbrach, lebte Wolfgang bereits fern der Familie, an
stets wechselnden Orten. Anfang der vierziger Jahre starb Gustav Paalen
in geistiger Umnachtung und völlig verarmt auf der Flucht vor den
Nazis in der Schweiz. Das Schicksal der restlichen Familie liegt weitgehend
im Dunkeln. Ein Bruder konnte nach Schweden fliehen; ein Bruder beging
schon 1928 Selbstmord. Paalens Biografen schliessen nicht aus, dass
sich in den 40er Jahren die gesamte Familie umgebracht hat. Sein Leben
lang soll Wolfgang über das Schicksal seiner Familie gegrübelt
und schwere Schuldgefühle in sich getragen haben.
"Er hatte einen Diener, dem hat er den Auftrag gegeben, wenn er
einmal sterben sollte oder als tot betrachtet würde, dann solle
er ihm mit einer Klinge ins Herz stechen. Doch dazu kam es nicht, weil
er sich selbst umgebracht hat", erzählt Walter Grün,
der seit 1942 in Mexiko lebt. Wir sitzen im gemütlichen Wohnzimmer
seines Hauses in Mexiko Stadt. Grün wurde 1914 in Wien geboren;
als Jude und Sozialdemokrat musste er vor den Nationalsozialisten fliehen.
In Mexiko gründete Grün das erste Schallplattengeschäft
des Landes. Zu seinen Kunden gehörte auch Wolfgang Paalen. Doch
Grün kannte Paalen vor allem durch die Künstlerkreise, in
denen er selbst damals durch seine Ehe mit der surrealistischen Malerin
Remedios Varo verkehrte. Sehr auf sich bezogen sei Paalen gewesen, wie
wohl die meisten Künstler, meint Grün und fügt etwas
kryptisch hinzu: "Allzuviel Gutes könnte ich Ihnen nicht erzählen,
denn das, was ich über ihn weiss, spricht nicht sehr für ihn."
Langsam klingt dann durch, was Grün wohl meinen könnte. Die
Geschichte dreht sich um eine der vielen Frauen in Wolfgang Paalens
Leben: die Violinistin und Fotografin Eva Sulzer, die aus einer reichen
Schweizer Unternehmerdynastie stammte und die viele Jahre an Paalens
Seite war. Eva und Remedios Varo wiederum waren eng befreundet. "Eva
Sulzer war eine sehr liebe, eine sehr gute Frau, die vielen Künstlern
geholfen hat", erinnert sich Walter Grün. Doch welche Rolle
spielte Eva für Paalen? Mäzenin, Freundin, vielleicht auch
Geliebte? Er selbst beschrieb sie einmal als "unsagbar gute, schwesterliche
Freundin". Eva Sulzer begleitete Paalen auch noch, als er längst
mit der bretonischen Malerin Alice Rahon verheiratet war. "Es war
in Wirklichkeit ein Dreieck", sagt Walter Grün, "Paalen
lebte von Eva Sulzer. Er war ein brillianter Mann, überaus gebildet,
aber sehr instabil in seinen privaten Beziehungen. Und die Eva hat darunter
sehr gelitten."
Eine entrückte, höchst außergewöhnliche Frau sei
Eva gewesen, erinnert sich die 72-jährige Bildhauerin und Installationskünstlerin
Helen Escobedo, die ich später in ihrem wunderschönen, streng
bewachten Haus in Mexiko Stadt besuche. Als ehemalige Direktorin des
Museums Moderner Kunst kannte sie Alice Rahon, Eva Sulzer und auch Wolfgang
Paalen, obwohl es ihr als junge Künstlerin jedoch nie gelang, mit
ihm näher in Kontakt zu treten: "Er war zu distanziert. Er
war immer irgendwie fern."
Auch Alice Rahon war Surrealistin. Eine sehr schöne Frau und überaus
gute Künstlerin sei sie gewesen, sagt Helen Escobedo: "Alice
war sehr in Paalen verliebt. Und sie war sehr deprimiert, als er sie
verlassen hat. Letztendlich war sie dadurch auch als Künstlerin
nicht so gut, wie sie hätte sein können. Ich glaube, sie hat
irgendwann einfach aufgegeben - der Schmerz, das Alter, die Verbitterung
über ihr Leben. Sie war eine enttäuschte Frau." An ein
näheres Verhältnis Paalens mit Eva Sulzer will sie nicht glauben,
denn: "Ich glaube nicht, daß Eva jemals in irgendjemanden
verliebt war. Ihre Art zu lieben war eher, Leuten Gutes zu tun, großzügig
zu sein."
Später, viel später, wird Paalen Eva Sulzer als Erbin einsetzen
und nicht seine letzte Ehefrau Isabel Marín. Heute wird sein
Nachlaß von der Paalen-Stiftung verwaltet.
"Es ist so schön, dass es Dich gibt Du hast mir wieder
einmal meine Bilder, mein Leben, mich selber bestätigt. Ich glaube
nicht, dass du einen anderen Menschen so anschauen könntest, wie
du mich im letzten Augenblick ansahst. Mein antiker Kopf ist auch noch
viel schöner geworden, weil du ihn gesehen hast" , schreibt
Paalen schon kurz nach der Hochzeit mit Alice Rahon - nicht an seine
Frau, sondern an Helene Meier-Graefe, an Aya, wie er sie nennt. Aya
ist eine um 30 Jahre ältere Frau, mit der er Mitte der 20er Jahre
in Berlin ein Verhältnis begonnen hatte. "Mein Du" schreibt
Paalen immer wieder in seinen Briefen an sie. Aya gehört bis zu
seinem Tod zu seinen engsten Vertrauten, die Beziehung zu ihr überdauert
alle anderen Beziehungen Paalens.
Als überaus unbeständig hat denn auch Miguel Escobedo, der
Anwalt der Paalen-Stiftung, Paalen in Erinnerung: "Ich habe den
Eindruck, dass er ein Einzelgänger war, introvertiert, rastlos.
Und wie Isabel, seine letzte Ehefrau, eher vulgär gesagt hat: Er
hätte alles mit jedem und allem gemacht. Sie hat das noch krasser
ausgedrückt". Escobedos Anwaltskanzlei im noblen Stadtviertel
San Angel beherbergt seine höchst beeindruckende Sammlung moderner
Kunst: rund 150 Bilder und Skulpturen, darunter einige Werke seiner
Schwester Helen, sind auf 5 Stockwerke verteilt, der Hausherr führt
höchstpersönlich und mit offensichtlichem Vergnügen durch
die Räume. Später wird er vergeblich versuchen,
die große Surrealistin Leonora Carrington zu überreden, mit
mir über Paalen zu sprechen. Carrington lasse ausrichten, Paalen
sei ein intelligenter Mensch gewesen, "nice enough to be with",
manisch-depressiv und im übrigen sei er ganz sicher in einen schmutzigen
Kunsthandel mit archäologischen Gegenständen verwickelt gewesen.
Aber eigentlich wolle sie lieber nicht über ihn reden.
Als Künstler bekannt wurde Wolfgang Paalen Anfang der 30er Jahre
in Frankreich, zunächst als Vertreter der Gruppe Abstraction-Creation,
der auch Kandinsky, Klee und Mondrian angehören; später als
Mitglied des Pariser Kreises der Surrealisten um den französischen
Schriftsteller und Theoretiker André Breton. 1936 gelang ihm
in Paris der Durchbruch als Surrealist. Max Ernst, Salvador Dalí,
René Magritte, André Masson, Joan Miró, Yves Tanguy
und Wolfgang Paalen sie betraten künstlerisches Neuland.
Paalen machte ähnliche Objekte wie Duchamps oder Magritte: in Efeu
gehüllte Stühle, einen Schirm aus Schwämmen.
Anders als Wolfgang Paalen, der nie Parteimitglied war, waren die meisten
Surrealisten Kommunisten. Vor allem André Breton galt als beinharter
Ideologe. Breton integriert Paalen in alle künstlerischen Aktivitäten
und Ausstellungen der Surrealisten in Paris, London, und New York. "Eines
seiner klassischen surrealistischen Bilder in Öl und Fumage ist
Paysage Totémique aus dem Jahr 1937 (Foto re.), ein Bild
mit einer beängstigenden Stimmung, das stets in die Nähe des
aufkommenden Weltkrieges gerückt wurde" erklärt Dieter
Schrage.
Besonderes Aufsehen bei den europäischen Ausstellungen erregte
Paalens aus Hühnerknochen gefertigte Pistole aus dem Jahr 1938,
die Paalens Witwe Isabel Jahre später dem Museum Moderner Kunst
in Wien anbietet. Die Verhandlungen seien an den völlig illusionären
Preisvorstellungen gescheitert, bedauert Schrage. Ich kann Le Génie
de l'Espèce (Foto u.) ziemlich unspektakulär
unter zahlreichen Nippes präsentiert auf meiner Mexikoreise
im vollgestopften Wohnzimmer des Staatsbeamten Gomez Rivera bewundern,
einem Enkel von Mexikos "Nationalkünstler" Diego
Rivera und Neffen von Paalens Witwe Isabel. Viel ist auch Rivera nicht
über Paalen zu entlocken. Hinter vorgehaltener Hand meint er dann,
er sei homosexuell gewesen.
Im Paris der 30er Jahre kam Paalen erstmals mit der primitiven Kunst
Amerikas und Ozeaniens in Berührung. Prägenden Eindruck auf
sein Werk hinterließ zu dieser Zeit eine Spanienreise zu den prähistorischen
Höhlenmalereien von Altamira. Die "primitive art" sollte
ihn Zeit seines Lebens fesseln und ihn zu einem leidenschaftlichen Sammler
machen: "Er kaufte auf, was er bekommen konnte, wie er das finanzierte,
weiss ich nicht" sagt Walter Grün und erinnert sich an eine
Episode: Einmal erhielt Paalen einen Anruf seiner Hausgehilfin. Aufgeregt
sagte sie, es sei jemand hier, der biete Figuren zum Kauf an, die wie
Mussolini aussähen. Paalen habe geantwortet: Kauf sie! Es
waren olmekische Figuren.
Paalen malte zu dieser Zeit totemistische Landschaften, suchte weiter
nach Neuem in der Kunst und experimentierte mit Kerzenrauch auf der
feuchten Leinwand, die er mit den Brandspuren einschwärzte. Als
Erfinder der fumage ist Paalen denn auch in allen Kunstlexika
zu finden.
Kurz nach einer Einzelausstellung in der Londoner Guggenheim Galerie
brach Paalen 1939 mit Alice Rahon und Eva Sulzer nach New York auf.
Es war beides Flucht und Aufbruch. Von New York aus reisten die
drei nach Neuengland, Kanada, British Kolumbien und Alaska, wo Paalen
seine Liebe zu totemistischen Skulpturen und indianischer Kunst ausbaute
und zahlreiche primitive Kunstwerke erwarb. Im September 1939 entschloß
sich das Trio sofort zur Übersiedelung nach Mexiko. Frida Kahlo
und Diego Rivera empfingen ihn in Mexiko Stadt. Die Proponenten der
mexikanischen Kunstszene in den 40er und 50er Jahren zeigten starkes
soziales Engagement und hatten vor allem eine politische Botschaft
die Revolution. In diese Umgebung kam Wolfgang Paalen, in dessen Kunst
Sozialkritik kein augenscheinliches Thema ist. "Als Paalen hierher
kam, gab es gerade ziemlichen Widerstand gegen die sehr nationalistische
Botschaft der mexikanischen Maler", sagt Museumsdirektorin Patricia
Sloane, "die Künstler suchten nach anderen Ausdrucksformen,
und so wurde Paalen zu einer Schlüsselfigur für die künstlerische
und intellektuelle Szene Mexikos." "Das glaube ich ganz und
gar nicht", kontert Helen Escobedo. "Obwohl Paalen ein abstrakter
Expressionist war, hat er die mexikanischen Künstler ganz sicher
nicht beeinflusst. Seine Kunst war einfach nicht stark genug, nicht
beeindruckend genug, nicht neu genug."
Im Jänner 1940 organisierte Wolfgang Paalen in Zusammenarbeit mit
Breton die sensationelle Gran Exposición Internacional del Surrealismo
in der Galeria de Arte Mexicano in Mexiko Stadt. Vertreten waren so
gut wie alle großen Künstler dieser Zeit, nicht nur die Surrealisten:
Diego Rivera, Frida Kahlo, Paul Klee, Pablo Picasso, Henry Moore, Wassilij
Kandinsky, Carlos Merida. Es war eine surrealistische Gesamtinszenierung,
die deutlich Paalens Handschrift trug: Die Einladungskarten waren an
den Ecken verbrannt, und um 23 Uhr hatte die große nächtliche
Sphinx ihren Auftritt. Ihre Verkleidung war eine szenische Variante
von Paalens Bild Das goldene Flies, aus dem Jahr 1937. Ein sensationeller
Auftritt für Isabel Marín - jener Frau, die später
Paalens letzte Ehefrau werden sollte. "Isabel war eine reizende
Frau und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich Paalen unsterblich
in sie verliebt hat", meint Helen Escobedo, "Isabel muß
extrem attraktiv gewesen sein. Sie war sehr groß, Mexikanerin,
aggressiv, extroviertiert, stark eine typische Marín."
Wenige Monate nach dieser vielbeachteten Surrealismus-Schau reiste
Wolfgang Paalen zu seiner ersten amerikanischen Einzelausstellung nach
New York. Es war das letzte Mal, dass Paalen als Surrealist auftrat.
Mit einem auf französisch geschriebenen "Farewell au Surrealism"
verabschiedete sich Wolfgang Paalen im April 1942 vom Surrealismus:
"Nach 1942, nach all den blutigen Fehlschlägen des Dialektischen
Materialismus und dem fortschreitenden Zerfall aller 'Ismen' scheint
mir dringend die unnachsichtigste Überprüfung jeder Theorie
geboten zu sein, die den Platz des Menschen im Universum, den Platz
des Künstlers in unserer Welt bestimmen will. Mit einem Wort, weit
wichtiger, als auf einigen prächtigen Einfällen herumzureiten,
so brilliant sie auch sein mögen, scheint es mir zu sein, einen
neuen Beobachtungspunkt zu finden. Ich zweifle nicht daran, daß
die großen surrealistischen Dichter und Maler weiterhin höchst
bedeutsame Werke schaffen werden, aber ich glaube nicht mehr daran,
daß es dem Surrealismus gegeben sein wird, die Stellung des Künstlers
in der gegenwärtigen Welt zu bestimmen, den Seinsgrund der Kunst
objektiv zu formulieren".
Die Abwendung vom Surrealismus bedeutete gleichzeitig einen Neubeginn:
Paalen publizierte sein Farewell in der ersten Ausgabe seiner neugegründeten
Kunstzeitschrift DYN, die er bis 1944 herausgab. Das in englisch und
französisch geschriebene Journal wurde in New York über einen
exklusiven Auslandsvertrieb verbreitet. Kunsttheoretische und philosophische
Essays, Beiträge renommierter Autoren wie Henry Miller oder Anais
Nin, Abbildungen der Werke von Georges Braque, Pablo Picasso, Marc Chagall
oder Henry Moore, Reproduktionen moderner und präkolumbianischer
Kunstwerke, Fotos u.a. von Eva Sulzer oder Paalens eigene Beiträge
machten DYN zur Plattform einer intellektuellen Avantgarde.
In seiner Malerei schlug Paalen eine kosmische Phase ein, wandte sich
verstärkt den Naturwissenschaft zu, korrespondierte mit Einstein,
las Bücher über aktuelle wissenschaftliche Erkennnisse, orientierte
daran seine Malerei, inder die Spirale zum zentralen Motiv wurde. In
Mexiko hatte zu dieser Zeit die Esoterik regen Zulauf. Auch Paalen gehörte
zu einem esoterischen Zirkel. Mit dabei auch Eva Sulzer, Remedios Varo,
später Isabel Marín. "Es war ein geschlossener Kreis,
der sich zum künstlerisch - philosophischen Austausch im Haus Edward
Renoufs im Künstlerviertel San Angel traf", erinnert sich
Helen Escobedo, deren Mutter ebenfalls an den Zirkeln teilnahm. Paalens
Kunst spiegelt diese Zeitströmung wider. Er malte Bilder auf der
Rinde des Amate-Baums, wie die Indianer. Titel wie The Cosmogons
oder Between Matter and Light, Aerogyl, New Moon
verweisen auf seine Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften.
In einem Essay in DYN über "Die Bedeutung des Kubismus heute"
schrieb Paalen, das Bild mit einem Objekt habe sich überlebt, und
überlebt habe sich auch das Bild-Objekt.
Nach Paalens Abschied vom Surrealismus war es zum Bruch mit André
Breton gekommen. Erst später, Anfang der 50er Jahre, als Paalen
noch einmal nach Europa reiste, sollten sich die beiden aussöhnen.
Zu dieser Zeit, in Paris änderte Paalen abermals seine Malweise,
wird immer abstrakter. Die kosmische Phase ist vorbei.
1943 hatte Paalen in New York die venezolanische Malerin Luchita Amalia
Hurtado del Solar kennengelernt, die später mit ihren beiden Kindern
aus erster Ehe zu ihm nach San Angel zog. Dort hatte ihm Eva Sulzer
ein Wohn- und Atelierhaus bauen lassen. 1947 ließ er sich von
Alice Rahon scheiden. Im selben Jahr wurde er mexikanischer Staatsbürger.
Die Ehe mit Luchita ging 1951 in die Brüche. Nach wie vor ging
er viel auf Reisen: San Francisco, New York und wieder Paris, wo er
sich für längere Zeit niederließ. Dort hatte er eine
überaus produktive Zeit, einige gutgehende Ausstellungen. Die Bilder
aus dieser Zeit seien, meinen manche Biografen, qualitativ ein letzter
Höhepunkt im Schaffen Paalens.
Schließlich kehrte Paalen wieder zurück nach Mexiko, kaufte
ein Haus in Tepoztlan nahe Mexiko-Stadt, wo er Monate in tiefer Einsamkeit
verbrachte. Er verkehrte nur mehr mit wenigen Freunden. Zeitweise lebte
er wieder mit Alice Rahon zusammen, und auch Eva Sulzer spielte nach
wie vor eine Rolle in seinem Leben. Während er Erfolge als Künstler
verbuchen konnte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Er hatte
mehrere Operationen, bekam Malaria. Im Fieberwahn schoß er mit
seinem Revolver in die Zimmerdecke. Im März 1957 schrieb er an
seinen Maler-Freund Gordon Onslow Ford: "Alles in allem war dies
eines meiner schwierigsten Jahre hier, seit letztem Frühling. Einfach
eines aufs andere. Kaum war ich von der Malaria genesen, war ich wieder
unten mit einem kleinen Herzanfall."
1958 heiratete er Isabel Marín, eine jüngere Schwester von
Diego Riveras erster Frau Lupe Marín. Mit finanzieller Hilfe
von Freunden kaufte er eine Hazienda in Merida, auf der Halbinsel Yucatán.
Einem Ort, der ihm zunächst als der schönste in Mexiko oder
überhaupt zum Leben erschien. Kurze Zeit später bereute er
bitter: "Es ist mein Yucatán-Abenteuer, das sich als das
verrückteste und desaströseste meines krankhaften Versuches
herausstellt, so etwas wie ein wirkliches Zuhause und ein komplettes
Leben zu haben."
Kurze Phasen künstlerischer Aktivität wurden immer wieder
von inneren Zusammenbrüchen unterbrochen. In seiner letzten Ausstellung
in der Galerie Souza in Mexiko-Stadt im Oktober 1958 zeigte er Bilder
aus Tepoztlan.
Zu gleichen Zeit wurde Paalen in einen Skandal um die illegale Ausfuhr
präkolumbianischer Kunst in die USA verwickelt. Wolfgang habe gemeinsam
mit Gordon Onslow Ford Ausgrabungen in den Ruinen in Mexiko gemacht
und die archäologischen Funde in die USA verkauft, sagt Miguel
Escobedo. Dabei habe er wohl kaum die Genehmigung gehabt, Ausgrabungsstätten
zu durchsuchen und Dinge von dort zu entwenden: "Möglicherweise
waren da Untersuchungen im Gange, die strafrechtliche Folgen gehabt
hätten. Und es würde mich nicht überraschen, wenn er
deshalb Selbstmord begangen hat. Vielleicht hatte er Angst, dass er
ins Gefängnis müsste." Eine Theorie, die andere Zeitzeugen
bezweifeln.
"Ich bin immer noch mitten in einer physischen und mentalen Depression,
die ich immer noch nicht abschütteln konnte," schrieb Paalen
am 15. September 1959 an Gordon Onslow Ford. Wenige Tage später,
in der Nacht zum 24. September, erschoß er sich in der Nähe
von Taxco. Die ganze Nacht über war er mit einer Laterne im Freien
herumgeirrt. Freunde fanden ihn am Morgen mit von Koyoten zerfetzten
Kleidern, von Passanten bestohlen. Im Haus fanden sie ein aufgeschlagenes
Buch von André Breton. Darauf die symbolträchtige 17. Tarokarte,
die für Unsterblichkeit steht.
Bibliothek:
Andreas Neufert: Wolfgang Paalen im Inneren des Wals, Springer
Verlag Wien New York 1999.
Christian Kloyber: Wolfgang Paalens DYN, the complete reprint, Springer
Verlag Wien New York 2000
Katalog zur Ausstellung: "Wolfgang Paalen zwischen Surrealismus
und Abstraktion", Museum Moderner Kunst Wien, 1993
18. September 2002
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