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Ein in der Tat verblüffender Erfolg
Nicht nur der Kenner guter Autobiographien, sondern in diesem
Fall sogar der Autor selbst ist in seiner Bescheidenheit völlig
überrascht vom Erfolg seiner Selbstbeschreibung:
Marcel Reich-Ranicki ist "sprachlos" angesichts
der Verkäufe von "Mein Leben".
Er habe, sagte er der "Welt am Sonntag", dem Verleger
geraten, lieber nur fünfzigtausend Exemplare zu drucken,
die Hälfte werde ohnehin liegenbleiben. Und was sagt man
jetzt dazu: Bisher hat sich das Buch zehnmal so oft verkauft,
mehr als fünfhunderttausendmal.
Ob mit diesem erst einmal lediglich kommerziellen Traumergebnis
aber auch schon "gewisse deutsche Schriftsteller " widerlegt
seien, so etwa Günter Grass, die behauptet hätten, er,
MRR, könne immer nur über die Bücher anderer schreiben
- diese Behauptung des Autobiographen ist u.E. noch nicht bewiesen.
Sind die Jihads am Ende?
Ein französischer Historiker, Gilles Kepel, kommt in seinem
neuesten, einigermaßen umstrittenen Buch "Jihad: expansion
et déclin de l'Islamisme" zu dem Ergebnis, daß
die erfolgreichen Zeiten des militanten Islamismus zu Ende sind.
In einem Interview mit "Newsweek" Anfang Mai legte er
die Gründe für seine Auffassung dar.
Als Machthöhepunkt der islamistischen Fundamentalisten sieht
er das Jahr 1989 an, als sich die Rote Armee aus Afghanistan zurückzog
und der Jihad sich als siegreich verstehen konnte. Hinzu kamen
die Wahlerfolge der Islamischen Heilsfront in Algerien und die
Fatwa gegen Salman Rushdie. Seitdem geht es mit der Bewegung bergab.
Das Kidnapping der Touristen auf Jolo zum Beispiel ist für
Kepelgerade kein Zeichen für die Macht der muslimischen Radikale,
sondern im Gegenteil: ihres Niedergangs. Er stellt einen Rückgang
der allgemeinen Unterstützung solcher Aktivitäten seit
den siebziger und achtziger Jahren fest und damit eine zunehmende
Trennung zwischen gewalttätigen und gemäßigten
Gruppen. Daß die radikaleren Gruppen ihren Rückhalt
in der Bevölkerung verloren haben, sieht Kepel durch das
ungewöhnlich brutale Massaker von Luxor 1997 und die Brutalitäten
gegen die algerische Zivilbevölkerung im Herbst desselben
Jahres belegt.
Der Kandidat bleibt sich treu
George Bush jr., der Anfang November zum Präsidenten der
USA gewählt werden möchte, hat sich in seinem Buch "A
Charge to Keep" auch über die Todesstrafe ausgelassen.
Dort ist er der festen Überzeugung, daß Verbrecher
"die Folgen ihrer Tat tragen sollten ... Strafen, die eine
Jury verhängt hat, sollten auch vollstreckt werden."
Auch Todesstrafen, natürlich. In einem Interview meinte er
neulich: "Ich bin für die Todesstrafe, denn ich glaube,
daß die Todesstrafe, wenn sie sicher, schnell und zu Recht
vollstreckt wird, Leben retten kann." Und zu seinem Begnadigungsrecht:
"Ich habe nicht das einseitige Recht, eine Hinrichtung aufzuhalten."
Gelegentlich haben sich der Vatikan und hohe ausländische
Politiker für das Leben eines zum Tode Verurteilten eingesetzt
- umsonst.
Bush ist Gouverneur von Texas. Texas kann unter allen Bundesstaaten
der USA auf die meisten Hinrichtungen stolz sein (mit Todesspritze;
214 seit 1976; zwanzig weitere für dieses Jahr geplant);
alle anderen Staaten der USA zusammen kommen daneben auf lediglich
418 Hinrichtungen. Nur dreißig Tage lang nach dem Todesurteil
können in Texas neue Beweise vorgelegt werden, die zu einer
Neuverhandlung führen (fairerweise muß man sagen, daß
Texas damit im Mittelfeld liegt: Es gibt US-Staaten, die diese
Möglichkeit nur zehn Tage lang, und andere, die sie unbefristet
vorsehen). Und: Sieben von hundert in den USA Hingerichteten erweisen
sich später als unschuldig.
Das Ende einer Nachrichtenagentur
United Press International, einer der großen Nachrichtenagenturen
der Welt, hat künftig keine Glaubwürdigkeit mehr: Seit
kurzem ist sie nämlich nicht mehr unabhängig, sondern
gehört einer Firma der "Vereinigungskirche", also
dem koreanischen Sektenführer Sun Myung Mun.
UPI-Chef de Borchgrave meint zwar, den Schaden noch begrenzen
zu können, und verspricht weiterhin journalistische Unabhängigkeit.
Aber Robert Boston von der Washingtoner Organisation "Americans
for the Separation of Church and State" sieht die Lage düster:
"Die Vereinigungskirche besitzt ja auch die Washington
Times', und wenn das nur im Ansatz ein Hinweis darauf ist, wie
sie UPI führen werden, wird niemand mehr die Agentur ernst
nehmen." Die "Washington Times" sei völlig
zu einem Flugblatt der Rechten verkommen.
Doch keine Blasphemie
Zwei Tage dauerten in Kairo die gewalttätigen Demonstrationen
der islamischen Fundis gegen Haidar Haidars Roman "Ein Bankett
für Seetang". Die fanatische Menge verlangte die Verurteilung
des Autors als Ketzer und eine Geldstrafe für den Verleger.
Alle Exemplare des Buches sollten beschlagnahmt und öffentlich
verbrannt werden.
Mitte Mai hat nun eine vom ägyptischen Kultusministerium
eingesetzte literarische Regierungskommission festgestellt, daß
das Buch - das im übrigen schon 1983 herauskam und jetzt
nur nachgedruckt worden war - doch nicht blasphemisch sei. Immerhin.
Die Aussagen der Regierungskommission sind von erfreulicher Klarheit
(und klingen nur in westlichen Ohren wie eine Selbstverständlichkeit):
Der hohe künstlerische Wert des Buches sei von den Islamisten
überhaupt nicht berücksichtigt worden, ein Roman dürfe
niemals aus einem nichtliterarischen Blickwinkel beurteilt werden,
und die Pflicht der Literatur sei es, das Leben ihrer Kritik zu
unterziehen und das ästhetische Bewußtsein zu schärfen.
Auch im Parlament verteidigte der Kulturminister Farouk Hosni
die literarische Freiheit: Die Kampagne gegen das Buch, sagte
er, sei ausschließlich politisch motiviert.
Nach zahlreichen Buch-Verboten in Kairo, die immer aus angeblich
religiösen Gründen erfolgten, ist diese Stellungnahme
ein hoffnungsvolles Zeichen.
Doch kein Buch über JFK jr.
Richard Blow wollte eigentlich gern ein Buch über den verstorbenen
John F. Kennedy jr. (Foto) schreiben. Er hatte sogar schon eine
Vereinbarung mit Little, Brown und Company, einem New Yorker Verlag.
Es
sollte, sagte die Verlegerin Sarah Chrichton, ein "äußerst
warmherzigers und menschliches Porträt von John Kennedy als
Erwachsenem " werden. Aber dann passierte etwas Dummes.
Der Autor war nämlich früher bei einem politischen Magazin
angestellt, das JFK jr. gehörte, und dieses Magazin ließ
ihn bei seinem Ausscheiden eine Schweigeverpflichtung unterschreiben.
Die Freunde der Kennedy-Familie sahen das Buchvorhaben natürlich
als "Verrat" an, und Blows Kollegen in der Redaktion
des Magazins warfen ihm "Doppelmoral" vor, da er ihnen
seinerseits verboten hatte, irgendwo auch nur eine Zeile über
den Verstorbenen zu schreiben.
In dieser verfahrenen Lage, sagte die Verlegerin, blieb nichts
anderes übrig, als die Verlags- Vereinbarung mit Blow rückgängig
zu machen.
Der Autor bietet das Buchprojekt jetzt anderen Verlagen an und
rechnet sich aus, daß der ganze Streit das Interesse an
seiner Person nur erhöht.
Er wird recht behalten.
Japanische Briefe
Die literarische Welt weiß nicht nur, daß der berühmte
Romancier Jukio Mischima ("Geständnis einer Maske")
1970 durch rituellen Selbstmord starb, sondern auch von seiner
Homosexualität. Sein Biograph Henry Scott-Stokes vermutet
allein in Tokio noch mindestens hundert lebende Liebhaber des
Schriftstellers, denen Mischima gern und häufig Briefe schrieb.
Mischimas Witwe war darum bemüht, keinen dieser Briefe jemals
veröffentlicht zu sehen, obwohl persönliche Briefe in
Japan nicht dem Urheberrecht unterliegen. Und erst hier beginnt
die eigentliche Nachricht.
Vor zwei Jahre veröffentlichte Jiro Fukuschima seine Mischima-Biographie
und publizierte darin fünfzehn private Briefe des Romanciers.
Sofort traten Mischimas Kinder auf den Plan und behaupteten, sie
besäßen testamentarisch die Veröffentlichungsrechte
an den Briefen ihres Vaters, obwohl in Japan ... siehe oben. Überraschenderweise
gab das Gericht ihnen im Oktober 1999 Recht.
Ende Mai bestätigte das Oberste Gericht in Tokio das Urteil
und verbot dem Verlag und dem Autor den weiteren Verkauf und alle
sonstige Verbreitung der Biographie. Das Buch war - ganz ohne
die juristische Auseinandersetzung - ein Bestseller und hatte
sich bereits in den ersten zehn Tagen nach Erscheinen neunzigtausendmal
verkauft. Daher kam zum Verbot der künftigen Weiterverbreitung
auch noch eine Geldstrafe von knapp hunderttausend Mark wegen
Verletzung des Urheberrechts. Richter Kazuaki Yamaschita sagte
dazu: "Die Briefe wurden ohne die Erwartung geschrieben,
daß sie veröffentlicht würden, weshalb sich ein
derartige Handlung gegen Mischima eigenen Willen richtet."
Zu dem Urteil paßt nun ganz und gar nicht, daß dieselben
Mischima-Kinder der erstmaligen Publikation von zweihundert anderen
Briefen ihres Vaters an Donald Keene, emeritierten Professor an
der Columbia University, ihre Erlaubnis erteilten.

Ihr Kommentar
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Frankreich ehrt
Indonesien
Gerard Cros,
der französische Botschafter in Indonesien, gab vor einigen
Wochen bekannt, daß Pramoedya Ananta Toer (Foto) für
Verdienste um die Literatur am 30. Mai mit der Ernennung zum Chevalier
des Arts et des Lettres geehrt wird.
Die Ehrung kommt nicht zu früh. Pram, wie der indonesische
Schriftsteller hierzulande genannt wird, ist heute fünfundsiebzig
Jahre alt. Fast alle vergangenen Regierungen Indonesiens steckten
ihn immer mal wieder ins Gefängnis, zuletzt vierzehn Jahre
lang das Suharto-Regime, das ihn "kommunistischer Tendenzen"
verdächtigte. Obwohl seine Bücher in Indonesien fast
alle verboten sind, wurde Pram schon mehrmals für den Nobelpreis
vorgeschlagen.
Verirrte Bücherliebe
Zum ersten Mal wurde eine - bis jetzt anonym
gehaltene - Online-Buchhandlung das Opfer einer Erpressung. Ein
sechsunddreißigjähriger Student an der Colorado State
University, hatte der Firma in den Monaten April und Mai 2000
zehn Erpresser-Mails geschickt. Er habe, behauptete er, herausgefunden,
wie er kostenlos Bücher downloaden könne, und werde
die Methode erst dann mitteilen, wenn man ihm eine Summe im Wert
aller Online-Bücher der Firma verschaffe, dazu einen Volvo-Kombi
2001, zwei CD-Spieler und außerdem noch das Recht, auch
künftig alles kostenlos herunterzuladen, wonach ihm gerade
war.
Als die Firma auf die Forderungen - außer dem Geld - einging,
gab er sich als Nelson Robert Holcombe zu erkennen, komplett mit
Postadresse - was irgendwie wieder versöhnlich stimmt. Gegen
fünfzigtausend Dollar Kaution ist er wieder auf freiem Fuß,
aber ihm drohen eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren
und hunderttausend Dollar Geldstrafe.
Cervantes war nicht Cervantes
Literarische Verschwörungstheorien sind
eigentlich beachtenswert. Irgendeine Wahrheit fördern sie
immer zutage.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß Cervantes im "Don
Quijote" kein einziges böses Wort über England
sagt? Kein Wort über den Haß der Spanier gegen die
Engländer - oder umgekehrt? Dabei standen sich die beiden
Völker damals in einer äußerst gewaltbereiten
Erzfeindschaft gegenüber. Zu verstehen ist dieses Verschweigen
nur, wenn man sich den Zeitgenossen Shakespeare anschaut. Dann
wird alles ganz klar.
Shakespeare hat Dramen geschrieben: "Hamlet" über
Dänemark, "Romeo und Julia" und andere über
Italien, "Julius Caesar" über das alte Rom, die
Königsdramen über England selbst. Aber ein großes
Land Europas fehlt: Spanien. Die Lücke wird jedoch durch
den obengenannten Roman gefüllt. Alle diese literarischen
Produktionen, die Dramen und der Roman, dienen offenkundig der
großen Idee eines mit sich versöhnten Europa. Und das
deutet klar darauf hin, daß sie alle von demselben Menschen
und zwei Synonymen (mindestens) geschrieben wurden. Und dieser
Man war niemand anderer als Francis Bacon.
Kann man vom Internet leben?
Gemeint ist hier nun nicht eine neue dot.com-Welle,
sondern der Versuch, sich alles Lebensnotwendige aus dem Internet
zu bstellen.
Enrique Piraces hatte nur einen Schlafsack und seinen Computer
unterm Arm, als er Anfang Mai ein leerstehendes Haus in Santiago
de Chile bezog. Was sonst zu einer Wohnung gehört, einschließlich
Bücher und Lebensmittel, will er über das Internet beziehen.
Als erstes einen elektrischen Heizapparat.
Der Test ist auf acht Monate angelegt. Sponsoren sind lokale Gewerbe,
die auf Werbeeffekte dadurch hoffen, daß die ganze Geschichte
- natürlich - im
Internet übertragen wird. Und ganz ohne Big Brother scheint
es auch nicht zu gehen: Sechzehn Kameras sind in der Wohnung installiert,
aber "nicht, um mich zu beobachten", meinte Piraces
beim Einzug, "sondern damit andere meine Erfahrungen mit
mir teilen können".
Old Economy muß aushelfen
Barnes & Nobles, eine der großen Buchhandelsketten
in den USA, hat im ersten Quartal 2000 seine Verluste etwas mindern
können - aber nur mit Hilfe der traditionellen Buchläden.
Noch vor einem Jahr betrug der Verlust 5,95 Millionen Dollar,
in diesem Jahr nur noch 4,14 Millionen.
Die Verluste sind im Internet-Handel der Buchhaldelskette entstanden,
und zwar zehn Cents pro Aktie. Die gern als "brick-and-mortar"-Unternehmen
verspotteten Buchläden des Unternehmens machten dagegen einen
Gewinn von 14 Cents pro Aktie. Nur durch die Saldierung beider
kam die leichte Verlustminderung zustande.
Der Gesamtumsatz in diesem Quartal betrug achthundertvierundneunzig
Millionen Dollar, eine Steigerung von fünfundzwanzig Prozent
gegenüber letztem Jahr.
Autor siegreich
Es hat ein Jahr gedauert, aber jetzt wissen wir's:
Ein Pariser Gericht hat dem amerikanischen Autor und Kunsthistoriker
Hector Feliciano soeben das Urteil von 1999 bestätigt, demzufolge
er die Aussagen in seinem Buch "Das verlorene Museum"
nicht zurückziehen muß. Er hatte darin nachgewiesen
(siehe Die
Gazette 15, Juli 1999), daß der Galerist Georges Wildenstein
am Kunstraub der Nazis beteiligt war. Das Gericht stellte fest,
die Aussagen seien nicht etwa schlampig recherchiert, sondern
ausreichend "nuanciert".
Auf achthundertfünfzigtausend Dollar Schadensersatz geklagt
hatten der Sohn und zwei Enkel des Galeristen sowie deren Galerie
in New York. Dabei nimmt Georges Wildenstein im Felicianos Buch
nur dem Raum einer Episode ein.
Was wir Piraten verdanken
Ein bißchen schon, meint Marcus Rediker,
Historiker an der Universität von Pittburgh und Autor des
Buches "Between the Devil and the Deep Blue Sea" (schon
1987), zumindest soweit es die Menschen schwarzer Hautfarbe betraf.
Wenigstens auf ihren Schiffen hätten Piraten eine Art farbenblinde
Demokratie eigeführt, die so fortgeschritten war, daß
an meinen könnte, Abraham Lincoln hätte sie nur imitieren
müssen.
Allerdings stand dahinter keine großartige Idee sozialer
Gerechtigkeit, sondern der schiere Pragmatismus: Gleichberechtigte
schwarze Piraten sind nun mal fleißigere, kompetentere Matrosen
und Eroberer als Gefangene.
Einer der erfolgreichsten Piraten um 1700 war Laurens de Graf:
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere befehligte er eine Flotte
von zweitausend Mann. Am Ende erhielt er von den Franzosen gar
einen offiziellen Pardon und dazu einen Adelstitel. In allen Bücher
wird de Graf als groß, blond, blauäugig und weiß
beschrieben. In Wahrheit war er ein Schwarzer. Aber der Gedanke
eines triumphierenden schwarzen Piraten war vor der Abschaffung
der Sklaverei einfach nicht politisch korrekt.
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