Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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 Die Marginalie
 

 

Miroslav Holub

Tote

Nach der dritten Operation, das Herz
durchschossen wie eine alte Schießscheibe auf dem Jahrmarkt,
erwachte er im Bett
und sagte: Jetzt werde ich mich prima fühlen,
wie eine Sonnenblume. Und habt ihr schon mal gesehen,
wie sich Pferde lieben?

In der Nacht starb er.

Ein anderer siechte achte magere Jahre dahin
wie die Fadenalge im sauren Bach,
als würde er sein bleiches Gesicht
am Stecken über die Friedhofsmauer halten.

Bis sein Gesicht schließlich auch verschwand.

Beide hatte der Todesengel
mit dem eisenbeschlagenen Schuh
einfach in die Medulla oblongata getreten.

Ich weiß, daß sie gleicherart gestorben sind.
Aber ich glaube nicht, daß sie
gleicherart tot sind.

(Übersetzung aus dem Tschechischen von Franz Peter Künzel. In: Miroslav Holub, Vom Ursprung der Dinge, Hanser, München und Wien 1991)

Kommentar:

Seamus Heaney, in seiner "Verteidigung der Poesie" (Hanser 1995), hat dieses Gedicht nur als Aufhänger und Einleitung zu einem Text über zwei Lyriker benutzt. Es beschreibe, sagt er, ziemlich genau "zwei Charaktere, die wie Allegorien der unterschiedlichen poetischen Haltungen sind, die W. B. Yeats und Philip Larkin nicht nur gegenüber den Letzten Dingen, sondern gegenüber fast allem eingenommen haben. Es hat die Klarheit einer Kreidezeichnung."


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