Nr. 26, Juni/Juli 2000
 

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 Stefanie Oswalt

 Kurt Flasch
 Literaturlexikon

 

 

Der unsichtbare Dritte

Kurt Tucholsky - ja. Carl von Ossietzky - auch. Aber Siegfried Jacobsohn? Der Gründer der signalroten Zeitschrift, die den beiden Berühmteren Plattform und Sprungbrett wurde - ein weithin Unbekannter (immerhin erwähnt ihn Meids Sachwörterbuch einmal kurz unter "Theaterkritik"). Fehlt ihm der Nimbus des Märtyrers?
Stefanie Oswalt, seit 1996 freie Mitarbeiterin der Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte in Rheinsberg und Autorin mehrerer Publikationen zur "Weltbühne" und zur Oral History, hat nun eine Lebensgeschichte Jacobsohns vorgelegt. Und man spürt, wie sehr man diese Biographie bis jetzt vermißt hat.
Siegfried Jacobsohn, bereits als Jugendlicher theaterbesessen, wurde mit dem Autoren-Kürzel S.J. schnell zum gefürchteten Berliner Kritiker. Unbestechlich, wenig correct veranlagt, scheute der erst Dreiundzwanzigjährige auch vor der Demontage einer alternden Johanna Buske in "Minna von Barnhelm" nicht zurück (1902):

Nur wenn heute eine sorglich balsamierte altägyptische Schauspielerin zum flüchtigen Rampenleben aufgestört würde, könnte uns dergleichen noch einmal widerfahren. Fragte diese Mumie, die alle Dünste der Leichenkammer aushauchte, ihren Major, ob er sie liebe, so fuhr Einem ein kalter Schrecken durchs Gebein, und bat sie ihn, den Blick auf sie zu richten, so wünschte man ihm mitleidsvoll die Sehkraft des Teiresias.

Woraufhin Hermann Sudermann ("Die Verrohung der Theaterkritik") eine "Verseuchung unseres Theaterfeuilletons mit Hohn und Verachtung" konstatierte, speziell am Beispiel Jacobsohns. S.J., wie man sieht, war nicht darauf aus, sich überall Freunde zu machen.
Der eigentliche "Fall Jacobsohn" jedoch brach zwei Jahre später über ihn herein. Der Kritiker-Kollege Alfred Gold beschuldigte Jacobsohn des Plagiats: Er habe aus einem Artikel Golds abgeschrieben. Die bis in die Syntax gleichen Sätze, wie sie Jacobsohn selbst 1913 veröffentlichte, sind in der Tat massiv und wären für jeden anderen niederschmetternd gewesen:

Um eine Begründung für diese Übereinstimmungen war S.J. allerdings nicht verlegen. Nach Beratungen mit Maximilian Harden und Fritz Mauthner formulierte er eine "Erklärung": Es handle sich nicht um ein Plagiat, sondern sei eine Folge der Überfrachtung seines Gedächtnisses im Zusammenhang mit den Recherchen für "Das Theater der Reichshauptstadt", für das er unzählige Kritiken möglichst gründlich studiert habe: In seinem Gedächtnis, "von dessen abnormer Stärke und Zuverlässigkeit" fast jeder Proben erhalte, der eine Zeitlang mit ihm verkehre, hätten Worte, Bilder, Sätze und ganze Satzfolgen fremder Autoren geschlummert, die durch die geringste Assoziation geweckt würden und es ihm in zahllosen Fällen zu seiner Qual unmöglich machten, einen eigenen Ausdruck für seinen Eindruck zu finden.

Stefanie Oswalt nennt die Verteidigung "durchaus nachvollziehbar, denn tatsächlich läßt sich nicht plausibel erklären, warum Jacobsohn diese Kritik bewußt hätte plagiieren sollen". Mit dieser freundlichen Bewertung scheint die Biographin zu sehr ihrer spürbaren Zuneigung zur beschriebenen Person zu vertrauen und weniger ihrem kritisches Urteil. Immerhin läßt sie möglicherweise implausible Gründe zu, obwohl sie Derartiges gleich wieder als "pubertären Streich" relativiert: S.J. habe womöglich ausreizen wollen, wie aufmerksam Kritiken überhaupt gelesen würden. Hier hätte schärfer hingeschaut werden müssen. Vielleicht sogar ohne irgendeine Vulgärpsychologie des Ladendiebstahls oder andere Motivsuchen zu bemühen: Es gibt ausgesprochene Plagiatstheorien, deren Relevanz hier hätte überprüft werden können (Beispiele: Bertolt Brechts sehr eigenes Verhältnis zum Urheberrecht, Donald Barthelmes intertextuelles Konzept des "pla[y]giarism" oder neuerdings Tom Kummers kuriose Begründung für die Mogel-Montage seiner Promi- Interviews: "Borderline-Journalismus", "Implosion des Realen").
Der Fall kostete Jacobsohn einige seiner Freunde, besonders enttäuschend für ihn war die Entfremdung des verehrten Fritz Mauthner. Der Kritiker-Karriere hat die Angelegenheit aber offenbar nicht geschadet. Um sich nun aber ein unabhängiges Forum zu schaffen, gründete Jacobsohn 1905 jedoch eine eigene Zeitschrift, die "Schaubühne". Wirtschaftlich war sie kein Erfolg: Einem rauschenden Beginn folgte tiefe Ernüchterung:

Von der ersten Ausgabe an erschien die Schaubühne im wöchentlichen Turnus, jeden Dienstag an den Berliner Zeitschriften-Kiosken und in den Bahnhofs-Buchhandlungen im gesamten Gebiet des deutschen Reiches und des deutschsprachigen Auslands. Die erste Ausgabe sei mit "ungeheurer Neugier erwartet worden", erinnerte sich S.J. später, und "die Leute rissen sich die 40.000 Exemplare aus den Händen. Der Inhalt hätte so sein müssen, daß mindestens 10.000 sich auf die nächste Nummer hätten stürzen müssen. Es war aber so, daß keine 10 das taten. Und bis 1918, also in dreizehn Jahren, brachten wirs auf 1.200."

Immer vom Bankrott bedroht und manchmal nur durch eine glückliche Fusion mit anderen Zeitschriften (etwa "Der Spiegel" 1908) davor bewahrt, überlebt "Die Schaubühne". Kurz vor dem ersten Weltkrieg beginnt dann die politische Wende der Zeitschrift. In einem Artikel Jacobsohns von 1913 gegen den Kunstgeschmack des Kaisers fehlt es nicht an polemischer Deutlichkeit:

Wer vor die Kunst tritt wie Wilhelm der Zweite, in voller Waffenzier, helmbuschumflattert, sporenklirrend, den Marschallstab in der Faust: der muß die Kunstwerke schätzen, die prunkhaft, schön, leichtverständlich, repräsentativ und wundervoll unbekümmert darum sind, daß vaterlandslose Gesellen ihnen Ekelnamen wie Stuck, Gschnas und Kitsch nachrufen werden. [...] Die wilhelminische Epoche hat sich in einer Kunst ausgesprägt, die gar keinen anderen als einen durchaus dekorativen, ornamentalen, pathosfreudigen, attrappenhaften Charakter haben konnte. Es ist die Kunst eines Mannes, der seine Widersacher "zerschmettert", wenn auch nur mit dem Munde; der eine Verfassung "in Scherben zu schlagen" droht, aber das Recht dazu niemals erwerben wird; der sein Volk "herrlichen Zeiten" entgegenführt, ohne daß das Volk es je gemerkt hätte.

Und selbstverständlich steht "Die Schaubühne" auf der Seite der jungen Weimarer Republik ("Dem verblichenen Deutschland", schreibt Jacobsohn nach dem Krieg, "nicht eine Träne. Sein Geruch war Mord; und größer als seine Brutalität war nur seine Dummheit.").
Noch während des Krieges, am 4. April 1918, erscheint die Zeitschrift zum ersten Mal unter dem neuen Titel "Die Weltbühne". Bald gewinnt Jacobsohn auch noch Tucholsky als regelmäßigen Beträger. Und nachdem S.J. zwei Jahre lang um Ossietzky geworben hat, erklärt sich auch dieser endlich bereit zur Mitarbeit. Er wird später, nach dem überraschenden Tod des erst fünfundvierzigjährigen Jacobsohn, als Herausgeber firmieren (siehe die Abbildung auf dem Umschlag). Ab hier mündet die Erzählung ein in die bekanntere Geschichte der "Weltbühne".
Dieses kurze, erfüllte Leben beschreibt Stefanie Oswalt in klaren Linien, oft auch in liebenswert privaten und politisch erhellenden Details, und immer mit der nötigen Perspektive auf die dramatischen Ereignisse vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Sie pflegt eine angenehm beherrschte und unaufgeregt objektive, dabei jedoch durchaus persönliche und lebendige Beschreibungssprache. Es tut wohl, wieder einmal einem so überlegten, so gar nicht auf Oberflächeneffekte bedachten Wissenschaftsstil zu begegnen.
Und nur um die Mäkelei nicht auszulassen: Mit dem Schlußkapitel, "Zwischen Emanzipation und Antisemitismus (1881-1926)", das zweifellos als zusammenfassender Abschluß geplant war, überfordert die Autorin die Klarheit und Liebenswürdigkeit der Biographie. Denn hier soll nun nichts Geringeres thematisiert werden als Jacobsohns Einstellung zu den deutschen Juden seiner Zeit (und umgekehrt ihre zu ihm), das schlecht oder gar nicht gedeihende Pflänzchen einer deutsch-jüdischen Symbiose, schließlich Antizionismus überhaupt und insgesamt der deutsche Antisemitismus noch vornazistischer Observanz. Dreiundzwanzig Seiten für dieses Thema - was heißt "dieses Thema"- diese Themen, diese intrikate und schwer entwirrbare Themenfülle sind in gar keinem Fall ausreichend, außer man ist Saul Friedländer und ungewöhnlich souverän in seinem Fach.
Gleichwohl ist Stefanie Oswalts Biographie eine nicht nur notwendige und verdienstvolle Arbeit, sondern der kulturgeschichtlich lebendige Einblick in eine unruhige, katastrophenschwangere Epoche unserer Geschichte, am exemplarischen Beispiel einer unerschrockenen und faszinierenden Persönlichkeit.

Alexandra Simon


Stefanie Oswalt
Siegfried Jacobsohn. Ein Leben für die Weltbühne. Eine Berliner Biographie
Bleicher Verlag, Gerlingen 2000
21,2 x 13,7 Zentimeter, 292 Seiten
DM 48,--, öS 218, sFr 45,--



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