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Der unsichtbare Dritte Kurt Tucholsky - ja. Carl von Ossietzky - auch. Aber Siegfried Jacobsohn?
Der Gründer der signalroten Zeitschrift, die den beiden Berühmteren
Plattform und Sprungbrett wurde - ein weithin Unbekannter (immerhin
erwähnt ihn Meids Sachwörterbuch
einmal kurz unter "Theaterkritik"). Fehlt ihm der Nimbus des
Märtyrers? Nur wenn heute eine sorglich balsamierte altägyptische Schauspielerin zum flüchtigen Rampenleben aufgestört würde, könnte uns dergleichen noch einmal widerfahren. Fragte diese Mumie, die alle Dünste der Leichenkammer aushauchte, ihren Major, ob er sie liebe, so fuhr Einem ein kalter Schrecken durchs Gebein, und bat sie ihn, den Blick auf sie zu richten, so wünschte man ihm mitleidsvoll die Sehkraft des Teiresias. Woraufhin Hermann Sudermann ("Die Verrohung der Theaterkritik")
eine "Verseuchung unseres Theaterfeuilletons mit Hohn und Verachtung"
konstatierte, speziell am Beispiel Jacobsohns. S.J., wie man sieht,
war nicht darauf aus, sich überall Freunde zu machen. Um eine Begründung für diese Übereinstimmungen war S.J. allerdings nicht verlegen. Nach Beratungen mit Maximilian Harden und Fritz Mauthner formulierte er eine "Erklärung": Es handle sich nicht um ein Plagiat, sondern sei eine Folge der Überfrachtung seines Gedächtnisses im Zusammenhang mit den Recherchen für "Das Theater der Reichshauptstadt", für das er unzählige Kritiken möglichst gründlich studiert habe: In seinem Gedächtnis, "von dessen abnormer Stärke und Zuverlässigkeit" fast jeder Proben erhalte, der eine Zeitlang mit ihm verkehre, hätten Worte, Bilder, Sätze und ganze Satzfolgen fremder Autoren geschlummert, die durch die geringste Assoziation geweckt würden und es ihm in zahllosen Fällen zu seiner Qual unmöglich machten, einen eigenen Ausdruck für seinen Eindruck zu finden. Stefanie Oswalt nennt die Verteidigung "durchaus nachvollziehbar,
denn tatsächlich läßt sich nicht plausibel erklären,
warum Jacobsohn diese Kritik bewußt hätte plagiieren sollen".
Mit dieser freundlichen Bewertung scheint die Biographin zu sehr ihrer
spürbaren Zuneigung zur beschriebenen Person zu vertrauen und weniger
ihrem kritisches Urteil. Immerhin läßt sie möglicherweise
implausible Gründe zu, obwohl sie Derartiges gleich wieder als
"pubertären Streich" relativiert: S.J. habe womöglich
ausreizen wollen, wie aufmerksam Kritiken überhaupt gelesen würden.
Hier hätte schärfer hingeschaut werden müssen. Vielleicht
sogar ohne irgendeine Vulgärpsychologie des Ladendiebstahls oder
andere Motivsuchen zu bemühen: Es gibt ausgesprochene Plagiatstheorien,
deren Relevanz hier hätte überprüft werden können
(Beispiele: Bertolt Brechts sehr eigenes Verhältnis zum Urheberrecht,
Donald Barthelmes intertextuelles Konzept des "pla[y]giarism"
oder neuerdings Tom Kummers kuriose Begründung für die Mogel-Montage
seiner Promi- Interviews: "Borderline-Journalismus", "Implosion
des Realen"). Von der ersten Ausgabe an erschien die Schaubühne im wöchentlichen Turnus, jeden Dienstag an den Berliner Zeitschriften-Kiosken und in den Bahnhofs-Buchhandlungen im gesamten Gebiet des deutschen Reiches und des deutschsprachigen Auslands. Die erste Ausgabe sei mit "ungeheurer Neugier erwartet worden", erinnerte sich S.J. später, und "die Leute rissen sich die 40.000 Exemplare aus den Händen. Der Inhalt hätte so sein müssen, daß mindestens 10.000 sich auf die nächste Nummer hätten stürzen müssen. Es war aber so, daß keine 10 das taten. Und bis 1918, also in dreizehn Jahren, brachten wirs auf 1.200." Immer vom Bankrott bedroht und manchmal nur durch eine glückliche Fusion mit anderen Zeitschriften (etwa "Der Spiegel" 1908) davor bewahrt, überlebt "Die Schaubühne". Kurz vor dem ersten Weltkrieg beginnt dann die politische Wende der Zeitschrift. In einem Artikel Jacobsohns von 1913 gegen den Kunstgeschmack des Kaisers fehlt es nicht an polemischer Deutlichkeit: Wer vor die Kunst tritt wie Wilhelm der Zweite, in voller Waffenzier, helmbuschumflattert, sporenklirrend, den Marschallstab in der Faust: der muß die Kunstwerke schätzen, die prunkhaft, schön, leichtverständlich, repräsentativ und wundervoll unbekümmert darum sind, daß vaterlandslose Gesellen ihnen Ekelnamen wie Stuck, Gschnas und Kitsch nachrufen werden. [...] Die wilhelminische Epoche hat sich in einer Kunst ausgesprägt, die gar keinen anderen als einen durchaus dekorativen, ornamentalen, pathosfreudigen, attrappenhaften Charakter haben konnte. Es ist die Kunst eines Mannes, der seine Widersacher "zerschmettert", wenn auch nur mit dem Munde; der eine Verfassung "in Scherben zu schlagen" droht, aber das Recht dazu niemals erwerben wird; der sein Volk "herrlichen Zeiten" entgegenführt, ohne daß das Volk es je gemerkt hätte. Und selbstverständlich steht "Die Schaubühne" auf
der Seite der jungen Weimarer Republik ("Dem verblichenen Deutschland",
schreibt Jacobsohn nach dem Krieg, "nicht eine Träne. Sein
Geruch war Mord; und größer als seine Brutalität war
nur seine Dummheit."). Alexandra Simon
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