Nr. 26, Juni/Juli 2000

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Daniel Pennac

Die Hausaufgabe

THEMA: Was halten Sie von Gustave Flauberts Aufforderung an seine Freundin Louise Collet: Lesen Sie, um zu leben!
Der Knabe ist mit Flaubert einer Meinung, der Knabe und alle seine Schulkameraden und - kameradinnen sind einer Meinung: "Flaubert hatte recht!" Einmütigkeit in fünfunddreißig Heften: Man muß lesen, um zu leben, denn gerade das - diese absolute Notwendigkeit zu lesen - unterscheidet uns vom Tier, vom Barbaren, vom unwissenden Dummkopf, vom hysterischen Sektierer, vom triumphierenden Diktator, vom gefräßigen Materialisten. Man muß lesen, man muß lesen!
- Um zu lernen.
- Um unser Studium zu schaffen.
- Um uns zu informieren.
- Um zu erfahren, woher man kommt.
- Um zu erfahren, wer man ist.
- Um die anderen besser kennenzulernen.
- Um zu wissen, wohin man geht.
- Um die Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren.
- Um unsere Gegenwart begreifbar zu machen.
- Um von früheren Erfahrungen zu profitieren.
- Um die Dummheiten unserer Vorfahren nicht zu wiederholen.
- Um Zeit zu gewinnen.
- Um zu entfliehen.
- Um einen Sinn im Leben zu finden.
- Um die Grundlagen unserer Zivilisation zu verstehen.
- Um unsere Neugier anzuregen.
- Um uns zu zerstreuen.
- Um uns zu informieren.
- Um zu kommunizieren.
- Um unsere Kritikfähigkeit zu schulen.

Da kann der Lehrer am Rand zu zustimmen: "ja, ja, gut, sehr gut! befriedigend, richtig, interessant, gelungen, sehr zutreffend" und muß sich zusammennehmen, um nicht "Mehr! Mehr!" zu rufen. Dabei hat er doch heute morgen im Schulflur gesehen, wie "der Knabe" in Windeseile seine Inhaltsangabe von Stephanie abgeschrieben hat. Dabei weiß er doch aus Erfahrung, daß die meisten dieser artig hingeschriebenen Ausführungen aus einen geeigneten Nachschlagewerk stammen.

aus: Daniel Pennac, Wie ein Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1994

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