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Daniel Pennac
Die Hausaufgabe
THEMA: Was halten Sie von Gustave Flauberts Aufforderung an seine
Freundin Louise Collet: Lesen Sie, um zu leben!
Der Knabe ist mit Flaubert einer Meinung, der Knabe und alle seine Schulkameraden
und - kameradinnen sind einer Meinung: "Flaubert hatte recht!"
Einmütigkeit in fünfunddreißig Heften: Man muß
lesen, um zu leben, denn gerade das - diese absolute Notwendigkeit zu
lesen - unterscheidet uns vom Tier, vom Barbaren, vom unwissenden Dummkopf,
vom hysterischen Sektierer, vom triumphierenden Diktator, vom gefräßigen
Materialisten. Man muß lesen, man muß lesen!
- Um zu lernen.
- Um unser Studium zu schaffen.
- Um uns zu informieren.
- Um zu erfahren, woher man kommt.
- Um zu erfahren, wer man ist.
- Um die anderen besser kennenzulernen.
- Um zu wissen, wohin man geht.
- Um die Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren.
- Um unsere Gegenwart begreifbar zu machen.
- Um von früheren Erfahrungen zu profitieren.
- Um die Dummheiten unserer Vorfahren nicht zu wiederholen.
- Um Zeit zu gewinnen.
- Um zu entfliehen.
- Um einen Sinn im Leben zu finden.
- Um die Grundlagen unserer Zivilisation zu verstehen.
- Um unsere Neugier anzuregen.
- Um uns zu zerstreuen.
- Um uns zu informieren.
- Um zu kommunizieren.
- Um unsere Kritikfähigkeit zu schulen.
Da kann der Lehrer am Rand zu zustimmen: "ja, ja, gut, sehr
gut! befriedigend, richtig, interessant, gelungen, sehr zutreffend"
und muß sich zusammennehmen, um nicht "Mehr! Mehr!"
zu rufen. Dabei hat er doch heute morgen im Schulflur gesehen, wie "der
Knabe" in Windeseile seine Inhaltsangabe von Stephanie abgeschrieben
hat. Dabei weiß er doch aus Erfahrung, daß die meisten dieser
artig hingeschriebenen Ausführungen aus einen geeigneten Nachschlagewerk
stammen.
aus: Daniel Pennac, Wie ein Roman, Kiepenheuer &
Witsch, Köln 1994
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