Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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Marcus Jensen

Heißer Tag

Ich stecke in einem beigefarbenen, zu groß geratenen Fellkostüm, vorn an der Brust ist eine Öse befestigt, eine unzerreißbare Kette hindurchgezogen, und zwei Bullen von Männern zerren mich damit über eine staubige Landstraße, ich bin völlig entkräftet, stolpere ohne Gegenwehr vorwärts, ich weiß, es geht zum Hinrichtungsplatz, ich wimmere um mein Leben, meine ausgetrocknete Stimme kratzt, der Schweiß läuft innen am Kostüm die Beine hinunter, trotzdem schaffe ich es irgendwie, pausenlos Argumente für meine Unschuld zu stammeln, aber die Männer beachten mich kaum, es sei denn, ich drohe umzukippen, dann stoßen sie mit einem groben Brotmesser durch den dicken Stoff in meine Seite, also wanke und heule ich kilometerweit, bis endlich, endlich vor uns zwei Polizisten erscheinen, mit Gewehren bewaffnet, doch bevor die Männer nach hinten fliehen, wollen sie die kostbare Kette noch einstecken und schneiden mit dem Brotmesser das Stück Stoff um die Öse herum ab, es gibt einen Ruck, und ich bin los, taumle wie blind über den Asphalt, während jemand aus Richtung der Sonne ruft: "Hey, Teddybär!"


Klappe

Ich war Anfang zwanzig, noch viel milchgesichtiger als heute, lebte in einer winzigen, schäbigen Spitzgiebelwohnung, die keine Tür, sondern nur eine kleine Klappe hatte zum Reinkriechen, und ich dachte, jetzt müsse sich endlich etwas verändern im Leben. Ich brauchte Geld und setzte halb im Spaß eine Annonce auf:
"Beseitigung? Junger erfahrener Profi macht für Sie den Finger krumm."
Darunter meine Telefonnummer. Ich dachte, wenn die Polizei mir eine Falle stellt, könnte ich mich auf einen Scherz festlegen.
Gleich am nächsten Tag rief ein Junge an, sehr unsicher, vielleicht sechzehn, wollte sich mit mir treffen. Ich behielt eine völlig ruhige Stimme. Wir verabredeten uns auf der Straße, ganz nah, um die Ecke, vor dem Elektrogeschäft. Er war picklig und bewegte sich linkisch, glotzte mich an. Ich presste dauernd die Lippen aufeinander, um etwas krank und gefährlich auszusehen. Da er nichts sagte, lag die Sache bei mir:
"Ich fange an bei 6000. Und was sagen Sie?"
Jetzt musste er seine Familie holen, ein halbes Dutzend Leute, die in einer Seitengasse versteckt gewartet hatten. Auch sie glotzten erst lange, allerdings schien ich ihnen unberechenbar genug zu wirken, denn sie berieten schon, ob sich das rechnen würde. Ich wartete etwas abseits und bekam nur mit, dass die Familie ein Feinkostgeschäft besaß und dass es um eine Person ging, die beruflich im Wege stand, einen Behördenleiter.
Die Mutter, das Oberhaupt, kniete sich schließlich auf die Betonplatten des Bürgersteigs und füllte säuberlich einen Postscheck aus. Mit verkniffener Miene reichte sie mir das bläuliche Papier. Ich las
"4400,- für Beluga-Kaviar" und lachte möglichst trocken:
"Kaviar, gute Idee, das erklärt so ein paar Riesen, aber das ist natürlich zu wenig." Ich drückte der Mutter den Scheck zurück in die Hand und sagte dem Jungen:
"Rufen Sie wieder an, wenn die Summe stimmt."
Ich ließ die Familie stehen, ging langsam am Elektrogeschäft vorbei, hörte hinter mir ein bisschen Gemurmel, bog um die Ecke. Ich kroch durch die Klappe in meine Wohnung, verschwand gleich im Bett und war froh, dass nie wieder so ein Anruf kam.


Russen kommen rüber

Am verschneiten Uferstrand der Weser, der Grenze Norddeutschlands zu Russland, bewache ich mit einer großkalibrigen Flinte bewaffnet meinen zugeteilten Abschnitt. Ich habe Befehl, auf alles Fremde zu schießen. Es dämmert schon. In einem Graben hinter der Uferböschung liege ich, das Gewehr entsichert, im Schnee, geschützt durch einen dicken Landser-Mantel. Der Strand ist ein dünnes graues Band und die Weser so breit, dass die feindliche Seite unsichtbar bleibt, vielleicht liegt auch Nebel.
Da kommt ein kleines Ruderboot herüber, nähert sich dem Ufer. Ich rapple mich auf, stapfe durch den knöcheltiefen Schnee und gebe einen weithin donnernden Warnschuss ab. Drei Patronen habe ich noch. In dem Boot sitzen vier Russen.
Zum Glück entpuppen sie sich bei der hastigen Landung als halbverhungerte russische Kinder, die fliehen konnten. Sie haben Angst vor meiner Waffe, und ohne drohen zu müssen, treibe ich sie gutmütig vor mir her, über verschneite Feldwege ins nächste Dorf, wo die erleuchteten Fenster eines Gasthofes locken.

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