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Fritz R. Glunk
Die kritische Masse Ignoranz
Die meisten Computer-Artikel lese ich schon nicht mehr, außer
in Fachzeitschriften (und ich meine: Fachzeitschriften). Also regt es
mich schon gar nicht mehr auf, wenn beim I-Love- you-Virus fast alle
Zeitungen davor warnen, die gefährliche "E-Mail zu öffnen"
(als hätte man da die Wahl, sofern man überhaupt noch Mails
bekommen will), statt ordentlich vom Aufrufen der an die Mail angehängten
Datei abzuraten. Auch DIE ZEIT überstand ich ohne Erregung: Da
war zu lesen, gegen die Viren müsse jetzt "idiotensichere"
Software her. Dabei war es doch gerade Microsofts idiotensichere, durchautomatisierte,
vom Benutzer gar nicht mehr durchschau-, geschweige denn steuerbare
Bequemlichkeitskultur einer mitdenkfreien Servo-Software, die den Virenbefall
selbsttätig besorgte.
Der Effekt solcher Fehlinformationen kann ja nur ein heilsamer sein:
Das Web verliert ein paar tausend verschreckte Ignoranten und entzerrt
sich naturaliter.
Als dies alles mit einem leichten Aufatmen überstanden war, kam
jedoch eine süddeutsche Zeitung und meinte unter der humorigen
Überschrift "Link für Link zur Erkenntnis" (in ihrem
Wissenschaftsteil), Texte im Internet müßten anders aufgebaut
sein als gedruckte Aufsätze - angeblich suchten Linguisten bereits
nach den nötigen Kriterien. Das versprach etwas.
Es wurde ein Alptraum.
"Wer Informationen im Internet sucht", so begann der Text,
"springt' von einer Seite zur nächsten oder surft'
gar durchs Web. Diese dynamischen Wörter deuten schon an, dass
ein Internet-Benutzer, der sich im Wirrwarr der Hyperlinks zurechtfinden
will, mehr mitarbeiten muss als jemand, der zum gleichen Thema ein Buch
liest."
Da hängt schon der erste Satz schief: Von einer Seite zur anderen
springen kann ich - und muß ich oft - auch im Duden, im Pschyrembel,
also immer beim Nachschlagen; und das unselige "surfen", diese
inzwischen leere Metapher für Web-Unkundige, als die Steigerungsform
von "springen" anzusehen, verrät nicht gerade eine gründliche
Durchdringung des Gegenstands. Die kindlichen Gänsefüßchen
hätten einen schon stutzig machen müssen.
Und der zweite Satz ist schlicht falsch: Der Autor hat offenbar noch
nie mit Leseforschung zu tun gehabt, noch nie etwas von saccadischen
Augenbewegungen gehört, von zyklischen, inferentiellen, reduktiven
Prozessen, von subsemantischen, semantischen, grammatischen und syntaktischen
Verarbeitungsvorgängen und ihrem aufwendigen parallelen Ineinandergreifen
- Schwerarbeit, auch wenn sie weitgehend unbewußt und beim geschulten
Leser sogar relativ energiearm geleistet wird.
Weiter. Der Autor zitiert jetzt Angelika Storrer (die versprochene Linguistin?),
die es eigentlich besser wissen müßte, da sie im Mannheimer
Institut für deutsche Sprache sitzt. Frau Storrer klärt den
Journalisten also über Linearität und Nichtlinearität
auf: "In linearen Texten werden neue Begriffe einführend erklärt,
und der Autor kann dann in den folgenden Abschnitten auf dieses Wissen
aufbauen." Der Leser von Hypertexten jedoch müsse den Zusammenhang
zwischen den Informationen selbst herstellen, da der Inhalt hier auf
einzelne Abschnitte (in techno-speak: "Module"!) verteilt
sei.
Hier liegt ein peinliches Mißverständnis vor. Der typische
Aufbau von Wissen, von dem Frau Storrer spricht, ist nämlich keine
originäre Eigenschaft von Texten, sondern ein Merkmal der Informationsverarbeitung
im Gehirn. Wenn ein Text diesem Prozeß gemäß gebaut
ist, verstehen wir ihn leicht; wenn nicht, verstehen wir ihn schwer
oder gar nicht. Beides trifft in ganz gleicher Weise auf lineare oder
nichtlineare gesprochene, geschriebene, gedruckte oder Internettexte
zu. Mit anderen Worten: Es gibt schlechte Internettexte, die kein Wissen
aufbauen, und gute Internettexte, die neues Wissen durch ständige
Rückgriffe auf Vorwissen aufbauen. Weshalb sonst würden Übersichtlichkeit
und Klarheit einer Website so hoch bewertet?
Weiter: Angeblich verdopple sich das Wissen der Menschheit alle fünfzehn
Jahre (gähn!), und also habe niemand mehr Zeit, lange lineare Texte
durchzulesen, er müsse sie demnach überfliegen: "Für
dieses Scannen nach relevanten Informationen sind sie aber nicht gut
geeignet. Als Hypertext angelegt, könnte der gleiche Inhalt viel
besser für eine schnelle und selektive Recherche zugänglich
sein."
Lassen wir das grammatisch gequälte Deutsch beiseite und stellen
klar: Seit Jahrhunderten, seit der Bibliothek von Alexandria, werden
Texte und Textstellen pausenlos für die immer leichtere Wiederauffindbarkeit
hergerichtet - der Autor oder Frau Storrer oder am besten beide müßten
sich halt mal mit der Funktion von Typographie, Registern und anderen
Paratexten wie advance organizers und Gestaltungsformen wie Kapiteln,
Überschriften, Absätzen, Marginalien, Tabellen und Grafiken
befassen. Und daß der Computer das schnellere Volltext-Retrieval
ermöglicht, liegt doch bei Gott nicht nicht am Hypertext, sondern
an der Digitalisierung.
Es kommt noch schlimmer. "Im Idealfall", so Frau Storrer weiter,
"kann der Leser an jeder Stelle in das Hypertext-Netz einsteigen
und je nach Wissensstand und Interesse seine Informationen individuell
auswählen." Im Idealfall? Im Hypertext-Netz? Schrott! Sowas
macht jeder, der einen Fahrplan, ein Telefonbuch, ein Kinoprogramm,
eine Gebrauchsanweisung konsultiert. Tagtäglich. Einfach so. Und
nicht in irgendeinem Idealfall.
Um dies im Internet zu erreichen, "sollten die einzelnen Web-Seiten
hierarchisch aufgebaut sein". Wir lesen richtig: sollten hierarchisch
aufgebaut sein. Hat Frau Storrer je eine komplexe Website von innnen
besucht? Hat sie nie deren - was denn sonst - hierarchischen Aufbau
gesehen? Sie hat ganz offenbar keine Ahnung.
Auch könne, geht es weiter, ein Leser das Thema einer Seite besonders
leicht erfassen, wenn die Überschrift als kurze Frage formuliert
würde, wie es sich bei den Internet-spezifischen Frequently
Asked Questions (FAQs) bewährt habe. Ach, Frau Storrer! Dieses
Ding, die Frage-Überschrift, hat sich bereits im noch finster linearen
Mittelalter bewährt: in Schulbüchern zum Beispiel. Im Katechismus
(siehe noch den Eingang der "Buddenbrooks"). Im Beichtspiegel.
Heuzutage in allen möglichen Ratgebern. In Kinderbüchern.
Internet-spezifisch? Ich kann nicht mal mehr lachen.
Von ihrer wissenschaftlichen Logik fast verlassen ist die Linguistin
gegen Ende. Nachdem sie wortreich die enormen Vorteile dieser Hypertext-"Module"
dargelegt hat, stellt sie betrübt fest, daß die Wirklichkeit
ihr und ihrer schönen Theorie gar nicht gehorcht. Das Internet
funktioniert gar nicht so, wie sie sich das ausgedacht hat. Überlegt
sie nun etwa eine neue Theorie? Aber nicht doch. Sie jammert. Sie beklagt,
daß "die Leute" "ihre Texte"
"wie immer" schreiben und das Internet bloß als
Verteiler nutzen (was drei Absätze vorher, bei der Explosion des
Wissens der Menschheit, noch bejubelt wurde), ja es geschieht Unerhörtes:
Diese Leute holen sich solche Dokumente aus dem Internet und drucken
sie aus. Und daran, daß sie die ausgedruckten Texte dann auch
noch lesen können, erkennt man (meint sie), daß es sich um
eine Art verbotenen, zumindest falschen Text handelt. Weil: "Charakteristisch
für einen gelungenen Hypertext mit Querverweisen und Verzweigungen
ist es, dass man ihn eben nicht ohne Verlust ausdrucken kann."
Ha.
Es reicht.
Gütiger Himmel, verzeih Frau Storrer und dem von ihr irregeleiteten
Autor gleich dazu, denn sie wissen nicht, was sie reden. Und bitte:
Inder statt solcher Linguisten! Dringend.
Ihr
Kommentar

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