Nr. 26, Juni/Juli 2000

 Essays    Interview     Leseproben    Net-Ticker     TextBilder    Rubriken     Archiv

 
 Essays
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 Kommentar

 Gastkolumnen

 

 

Fritz R. Glunk

Die kritische Masse Ignoranz

Die meisten Computer-Artikel lese ich schon nicht mehr, außer in Fachzeitschriften (und ich meine: Fachzeitschriften). Also regt es mich schon gar nicht mehr auf, wenn beim I-Love- you-Virus fast alle Zeitungen davor warnen, die gefährliche "E-Mail zu öffnen" (als hätte man da die Wahl, sofern man überhaupt noch Mails bekommen will), statt ordentlich vom Aufrufen der an die Mail angehängten Datei abzuraten. Auch DIE ZEIT überstand ich ohne Erregung: Da war zu lesen, gegen die Viren müsse jetzt "idiotensichere" Software her. Dabei war es doch gerade Microsofts idiotensichere, durchautomatisierte, vom Benutzer gar nicht mehr durchschau-, geschweige denn steuerbare Bequemlichkeitskultur einer mitdenkfreien Servo-Software, die den Virenbefall selbsttätig besorgte.
Der Effekt solcher Fehlinformationen kann ja nur ein heilsamer sein: Das Web verliert ein paar tausend verschreckte Ignoranten und entzerrt sich naturaliter.
Als dies alles mit einem leichten Aufatmen überstanden war, kam jedoch eine süddeutsche Zeitung und meinte unter der humorigen Überschrift "Link für Link zur Erkenntnis" (in ihrem Wissenschaftsteil), Texte im Internet müßten anders aufgebaut sein als gedruckte Aufsätze - angeblich suchten Linguisten bereits nach den nötigen Kriterien. Das versprach etwas.
Es wurde ein Alptraum.
"Wer Informationen im Internet sucht", so begann der Text, "‘springt' von einer Seite zur nächsten oder ‘surft' gar durchs Web. Diese dynamischen Wörter deuten schon an, dass ein Internet-Benutzer, der sich im Wirrwarr der Hyperlinks zurechtfinden will, mehr mitarbeiten muss als jemand, der zum gleichen Thema ein Buch liest."
Da hängt schon der erste Satz schief: Von einer Seite zur anderen springen kann ich - und muß ich oft - auch im Duden, im Pschyrembel, also immer beim Nachschlagen; und das unselige "surfen", diese inzwischen leere Metapher für Web-Unkundige, als die Steigerungsform von "springen" anzusehen, verrät nicht gerade eine gründliche Durchdringung des Gegenstands. Die kindlichen Gänsefüßchen hätten einen schon stutzig machen müssen.
Und der zweite Satz ist schlicht falsch: Der Autor hat offenbar noch nie mit Leseforschung zu tun gehabt, noch nie etwas von saccadischen Augenbewegungen gehört, von zyklischen, inferentiellen, reduktiven Prozessen, von subsemantischen, semantischen, grammatischen und syntaktischen Verarbeitungsvorgängen und ihrem aufwendigen parallelen Ineinandergreifen - Schwerarbeit, auch wenn sie weitgehend unbewußt und beim geschulten Leser sogar relativ energiearm geleistet wird.
Weiter. Der Autor zitiert jetzt Angelika Storrer (die versprochene Linguistin?), die es eigentlich besser wissen müßte, da sie im Mannheimer Institut für deutsche Sprache sitzt. Frau Storrer klärt den Journalisten also über Linearität und Nichtlinearität auf: "In linearen Texten werden neue Begriffe einführend erklärt, und der Autor kann dann in den folgenden Abschnitten auf dieses Wissen aufbauen." Der Leser von Hypertexten jedoch müsse den Zusammenhang zwischen den Informationen selbst herstellen, da der Inhalt hier auf einzelne Abschnitte (in techno-speak: "Module"!) verteilt sei.
Hier liegt ein peinliches Mißverständnis vor. Der typische Aufbau von Wissen, von dem Frau Storrer spricht, ist nämlich keine originäre Eigenschaft von Texten, sondern ein Merkmal der Informationsverarbeitung im Gehirn. Wenn ein Text diesem Prozeß gemäß gebaut ist, verstehen wir ihn leicht; wenn nicht, verstehen wir ihn schwer oder gar nicht. Beides trifft in ganz gleicher Weise auf lineare oder nichtlineare gesprochene, geschriebene, gedruckte oder Internettexte zu. Mit anderen Worten: Es gibt schlechte Internettexte, die kein Wissen aufbauen, und gute Internettexte, die neues Wissen durch ständige Rückgriffe auf Vorwissen aufbauen. Weshalb sonst würden Übersichtlichkeit und Klarheit einer Website so hoch bewertet?
Weiter: Angeblich verdopple sich das Wissen der Menschheit alle fünfzehn Jahre (gähn!), und also habe niemand mehr Zeit, lange lineare Texte durchzulesen, er müsse sie demnach überfliegen: "Für dieses Scannen nach relevanten Informationen sind sie aber nicht gut geeignet. Als Hypertext angelegt, könnte der gleiche Inhalt viel besser für eine schnelle und selektive Recherche zugänglich sein."
Lassen wir das grammatisch gequälte Deutsch beiseite und stellen klar: Seit Jahrhunderten, seit der Bibliothek von Alexandria, werden Texte und Textstellen pausenlos für die immer leichtere Wiederauffindbarkeit hergerichtet - der Autor oder Frau Storrer oder am besten beide müßten sich halt mal mit der Funktion von Typographie, Registern und anderen Paratexten wie advance organizers und Gestaltungsformen wie Kapiteln, Überschriften, Absätzen, Marginalien, Tabellen und Grafiken befassen. Und daß der Computer das schnellere Volltext-Retrieval ermöglicht, liegt doch bei Gott nicht nicht am Hypertext, sondern an der Digitalisierung.
Es kommt noch schlimmer. "Im Idealfall", so Frau Storrer weiter, "kann der Leser an jeder Stelle in das Hypertext-Netz einsteigen und je nach Wissensstand und Interesse seine Informationen individuell auswählen." Im Idealfall? Im Hypertext-Netz? Schrott! Sowas macht jeder, der einen Fahrplan, ein Telefonbuch, ein Kinoprogramm, eine Gebrauchsanweisung konsultiert. Tagtäglich. Einfach so. Und nicht in irgendeinem Idealfall.
Um dies im Internet zu erreichen, "sollten die einzelnen Web-Seiten hierarchisch aufgebaut sein". Wir lesen richtig: sollten hierarchisch aufgebaut sein. Hat Frau Storrer je eine komplexe Website von innnen besucht? Hat sie nie deren - was denn sonst - hierarchischen Aufbau gesehen? Sie hat ganz offenbar keine Ahnung.
Auch könne, geht es weiter, ein Leser das Thema einer Seite besonders leicht erfassen, wenn die Überschrift als kurze Frage formuliert würde, wie es sich bei den Internet-spezifischen Frequently Asked Questions (FAQs) bewährt habe. Ach, Frau Storrer! Dieses Ding, die Frage-Überschrift, hat sich bereits im noch finster linearen Mittelalter bewährt: in Schulbüchern zum Beispiel. Im Katechismus (siehe noch den Eingang der "Buddenbrooks"). Im Beichtspiegel. Heuzutage in allen möglichen Ratgebern. In Kinderbüchern. Internet-spezifisch? Ich kann nicht mal mehr lachen.
Von ihrer wissenschaftlichen Logik fast verlassen ist die Linguistin gegen Ende. Nachdem sie wortreich die enormen Vorteile dieser Hypertext-"Module" dargelegt hat, stellt sie betrübt fest, daß die Wirklichkeit ihr und ihrer schönen Theorie gar nicht gehorcht. Das Internet funktioniert gar nicht so, wie sie sich das ausgedacht hat. Überlegt sie nun etwa eine neue Theorie? Aber nicht doch. Sie jammert. Sie beklagt, daß "die Leute"  "ihre Texte"  "wie immer" schreiben und das Internet bloß als Verteiler nutzen (was drei Absätze vorher, bei der Explosion des Wissens der Menschheit, noch bejubelt wurde), ja es geschieht Unerhörtes: Diese Leute holen sich solche Dokumente aus dem Internet und drucken sie aus. Und daran, daß sie die ausgedruckten Texte dann auch noch lesen können, erkennt man (meint sie), daß es sich um eine Art verbotenen, zumindest falschen Text handelt. Weil: "Charakteristisch für einen gelungenen Hypertext mit Querverweisen und Verzweigungen ist es, dass man ihn eben nicht ohne Verlust ausdrucken kann." Ha.
Es reicht.
Gütiger Himmel, verzeih Frau Storrer und dem von ihr irregeleiteten Autor gleich dazu, denn sie wissen nicht, was sie reden. Und bitte: Inder statt solcher Linguisten! Dringend.

Ihr Kommentar


 Essays   Interview      Leseproben    Net-Ticker     TextBilder    Rubriken     Archiv